Juli - An End has a Start von EDITORS

An End has a Start von EDITORS

Trotz annähernd elektronikfreier Zone dürften einige DM-Hörer Gefallen an den melancholischen Gebilden der Birminghamer Gitarrenband Editors finden. Deren musikalische (nicht aber die ideellen) Verwandtschaften und Wurzeln liegen im gitarrendominierten Wave der frühen 80er, z.B. bei  U2 oder Independent-Bands wie The Chameleons, Echo and the Bunnymen, The Sound oder The Comsat Angels. Eigentlich ist bei den Editors eine noch stärker ausgeprägte Dringlichkeit und Leidenschaft zu spüren. Vor allem Tom Smiths wohlklingender Bariton prägt den Sound der Briten enorm, seine Stimme ist der Ruhepol in der dynamischen von Gitarrenwällen dominierten Musik.

Thomas Smith (voc/guit/key), Christopher Dominic Urbanowicz (guit), Russell Jonathan Leetch (ba) und Edward Owen Lay (dr) tauften sich 2004 nach besonders originellen Bandnamen ;-) wie „The Pride“ und „Snowfield“ in Editors um; wie einige der Songtitel hat dieser Name keine weitere Bedeutung und wurde wegen dem Wortklang gewählt. 2004 supporteten sie unter anderem The Bravery, welche ihrerseits als DM-Vorband 2006 eine breitere Bekanntheit erlangten. 2005 verkauften sich die ersten Singles wie auch das Debut „The Back Room“ artig. Aber erst die erfolgreiche Wiederveröffentlichung zweier Singles bescherte ihnen den ersten Top 10 Hit in England („Munich“); das Album stieg dort bis auf Platz zwei und erreichte Platin-Status.

Selten genug werden bei depechemode.ch Platinbands rezensiert, aber das war nie und wird nie ein Kriterium für die persönlich erlebte Qualität von Musik sein. Während „The Back Room“ fast schon klaustrophobisch kühle Momente hatte, ist „An End has a Start“ auch durch den Einsatz von choralen und Streicher-Elementen wärmer, sanfter, aber keineswegs langweiliger geworden. Die Musik ist wie gewohnt druckvoll rhythmisch, die Songs aufregend und aufwühlend. Die Texte handeln von diversen Berührungen mit dem Tod in den letzten zwei Jahren und von der positiven Umsetzung dieser schwierigen Erfahrungen. Passend dazu hat Smith seinen Haarschnitt der Gefühlslage der neuen Platte angepasst: Ehemals kurz und streng, heute in lockiger Normallänge.

Die akutelle Single mit dem originellen Titel „Smokers outside the Hospital Doors“ erreicht trotz ihrer kürzlichen Chartserfolge nicht ganz das gewohnte Editors-Niveau. Sie hat aber durchaus ihre Momente, und der feierliche Chor und die amoklaufenden elektrischen Gitarren produzieren gegen Ende noch eine erstaunliche Menge Dampf (hust-hust). Der Anblick einer vor dem Krankenhaus versammelten Gruppe rauchender Leute hat sich in Toms Erinnerungen als ziemlich trauriges Bild eingebrannt, und so klingt’s dann auch.

Weit mehr überzeugen mich der im Westernstil galoppierende straighte Titelsong „An End has a Start“ und die weiteren rasanten Songs „Bones“ (viel Druck mit Bass und Drums) und „The racing Rats“, das ruhig und fast schon soulig beginnt und sich schnell zu einer wahren Editors-Hymne entwickelt. Richtig nahe gehen aber die restlichen, meist eher ruhigen, auf Gitarrenteppichen schwebenden Songs wie „The Weight of the World“, der sehnsüchtige Walzer mit Seemannschor „Push your Head towards the Air“ und „Spiders“, ach wie himmlisch die Glocken, ähm… Gitarren klingen! „When Anger shows“ und „Escape the Nest“ brillieren mit Variantenreichtum und erschüttern das Gehör zwischendurch mit blitz- und donnerähnlichen Gewalten. Dann ist da noch „Well worn Hand“, der Song Marke „Ballade am endgültigen Ende der CD (ohne versteckten Bonustrack)“, aufgenommen 1:1 live im Studio, in einem Take. Produziert wurde „An End has a Start“ von Garret „Jacknife“ Lee, der bereits mit U2 („How to dismantle…“), Snow Patrol, Kasabian und Bloc Party zusammengearbeitet hat.

Wie schon erwähnt geht es inhaltlich oft um Trauer, Sterben und Schmerz, gleichzeitig aber auch um Hoffnung, Trost,  Selbsterkenntnis, Ermutigung und Vertrauen. Oder wie es in „Bones“ heisst:  „In the end all you can hope for is the love you felt to equal the pain you've gone through“. „Schliesslich kannst Du nur drauf hoffen, dass all die Liebe, die Du gefühlt hast, den Schmerz ausgleicht, durch den Du gegangen bist.“ Smiths ausdrucksstarke Stimme, übrigens nicht unähnlich derjenigen des Joy Division-Sängers Ian Curtis, unterstützt die schwierigen Themen mit ihrer gefühlsvollen, feierlichen Art.

Wenn man die Musik der Editors visualisieren würde, erschienen in meiner Vorstellung vor allem Zeitlupen- und Zeitrafferbilder, wie zum Beispiel im Video zu Ihrem Meisterwerk „Munich“. Irgendwie scheint diese Musik die Funktion der Zeit ausser Kraft zu setzen. So wirkt auch das leicht verschwommene CD-Cover des für eine kleine Ewigkeit gebauten und eigentlich unbeweglichen Bauwerkes wie eine Momentaufnahme aus einer Bewegung.

Leider hat das Album keinen Ueberhit wie „Munich“, ist aber auch nach dem zehnten Anhören einfach zu schnell am Ende angelangt. Und das sagt eigentlich schon viel aus. Und jetzt, wieder zwei Jahre warten für zehn Songs? Tröstlich ist, dass wenn sie ihre Absicht, regelmässig und noch lange Platten aufzunehmen, wie auch sich kreativ weiterzuentwickeln, umsetzen, dass uns noch einiges von den Editors erwartet. Naja, hören wir zwischendurch wieder mal DM ;-) oder so..

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