Dezember 2007 - Bilderbuch von IRRLICHT

„…die Luft vibriert, Zeit verrinnt…“ („Die Rache Vidar“). 2 1/2 Jahre nach „End.klang“ lässt die Zürcher Band Irrlicht die Luft vibrieren und verbreitet mit ihren neuen Stücken wieder einen einzigartigen Zauber. Natürlich kommen nicht ganz alle Bandmitglieder aus der Region Zürich: Seitdem Mitbegründer, Sänger/Sprecher und Texter Markus Meier die Band verlassen hat, liegt auf der aus Stuttgart stammenden Sängerin Daniela Dietz, ehemals bei „Illuminate“, die (fast) alleinige stimmliche Verantwortung.

Wie Markus Meier wurde auch Gitarrist Nathan Plancherel im April 2005 beim erinnerungswürdigen Auftritt im Palais Xtra gebührend verabschiedet. Das Konzert als Opener für die chartserprobten „Deine Lakaien“ war bisher wohl das Highlight in der nun schon über zehnjährigen Bandgeschichte: Kaum je erlebte ich ein Konzert, wo man einer Vorband so viel Aufmerksamkeit geschenkt hat: Ein grosser Teil des Publikums wurde von der geschickt mit einer beklemmenden Einleitung und eigenen Filmen umrahmten Show gepackt. Bald darauf haben Irrlicht mit Peter Skrotzky, Sänger und Gitarrist bei „Troika“, wieder einen neuen Gitarristen gefunden.

Obwohl immer klar war, dass Markus Meiers nun fehlende Beiträge zum irrlichternen Klangbild eine spürbare Lücke hinterlassen würden, darf man behaupten, dass Markus Nauli, Renato Kienberger, Peter Skrotzky und Daniela Dietz sich mit dem sechsten Irrlicht-Album selbst übertroffen haben: Kurzweilige, ehrliche, wunderschöne Musik, die anno 2007 immer noch ohne kraftprotzendes Geschrei, überbordende Tempi, unnötige Härte und oberflächliche Plattitüden auskommt.

Innerhalb des nicht gross veränderten Soundbildes legen Irrlicht mehr denn je Wert auf Abwechslung. Dominiert in der Einleitung „Ungewiss“ und dem Titellied „Bilderbuch“ noch gepflegte Zurückhaltung, wirbeln die „irren Lichter“ danach durch die verschiedensten Schattierungen: Vom beatlastigen „Habemus Papam“ zum orchestral-dramatischen „Ange Noir“, über das feinmaschige poppige „Leuchtturm“, das balladeske „Treibjagd“ und ein knalliges „Je me suis installé“ bis zum leicht folkloristisch angehauchten „Die Rache Vidar“. Nicht zu vergessen der technoide Remix von „Insel der Seligen“. Und trotzdem ist alles Eins: Ein Buch in acht Kapiteln, oder wie der Titel schon sagt, in Bildern oder Gemälden.

Bild 1 „Ungewiss“: Am Ufer eines Flusses, durch unbewohntes Gebiet, sucht ein einsamer Wanderer seinen Weg. Die Weggabelung zeigt in die Richtungen „Neuland“ und „Irrweg“. Ungewiss, wohin die Reise geht.

Bild 2 „Bilderbuch“: Mensch kämpft gegen Mensch, Mensch jagt Tier (und umgekehrt?), Tier jagt Tier. Das Antlitz des „Schöpfers“ beobachtet mit undurchschaubarer Miene das von ihm erschaffene Leben. Ist der Mensch wie ein Tier? Mit kurzem Gastauftritt von Markus Meier.

Bild 3 „Habemus Papam“: Hoftanz im Papstpalast. Inmitten der erstaunten Menge das kirchliche Oberhaupt, mit fliegender Kutte unermüdlich und freudvoll tanzend, bis zum Tod durch ErSchöpfung. Ein gepflegtes Traditions-Tänzchen gefälligst? Oder lieber flippig wie John Travolta in Saturday Night Fever?

Bild 4 „Ange Noir“: Ein altes Schlachtgemälde, die Ueberlebenden der Militärkapelle spielen ihr Begleitlied des Trauers. Darüber ein imposanter schwarzer Engel, der mit liebevollem Blick die Szenerie beobachtet. Filmmusik-artige Einleitung, ein mit Bläsern, Streicher, Trommeln, Pauken und Chörli erweitertes „Irrlicht-Orchester“.

Bild 5 „Leuchtturm“: Im Vordergrund ein gestrandeter Schiffbrüchiger, zerfetzte Kleider, den einen Arm mit letzter Kraft Richtung Zivilisation, einem Leuchtturm, ausstreckend. Im Hintergrund das halb gesunkene Schiff und düstere wegziehende Wolken. Der rettende Anker nach einem steinigen Lebensweg: Der geliebte Mensch, durch den die Steine etwas von ihren scharfen Kanten verlieren.

Bild 6 „Treibjagd“: Portrait eines Ruhe, Zuversicht und Selbstsicherheit ausstrahlenden Menschen, eingebettet in einen Kranz aus Licht, einen nur schemenhaft erkennbaren Schutzengel. Glaube an Dich selbst. Lass Dich vom Leben nicht in die Leere treiben, denn ein Leben ohne Schwierigkeiten und Tiefpunkte ist nicht möglich.

Bild 7 „Je me suis installé“: Ein schillerndes Bild, sich ständig ändernde Formen und psychedelische Farben, wie ein von der Musik am PC erschaffenes Design (Windows Media Player). Eine rasende Fahrt durch die Nacht einer lichterüberfluteten Grossstadt, auf den Spuren der Schweizer Technopop-Vorreiter Séance.

Bild 8 „Die Rache Vidar“: Eine friedliche Szene voller Leben in Garten Eden. Darüber thront der Sensenmann, mit kapuzenumrahmtem unheilvoll grinsendem Totenschädel. „Im Wettlauf zur Erhaltung unserer Erde kommen wir um eine Neudefinierung unserer Wertmassstäbe und Lebensqualitäten nicht herum.“ In der germanischen Mythologie ist Vidar der Gott des Waldes, der Rache und des Schweigens.

Hervorragend auch die Variationen (Remixe): Auf Bild 12 wurde der Gestrandete von Bild 5 soeben angespült und bleibt erschöpft liegen, auf Bild 9 schreitet er zielstrebig Richtung Leuchtturm. Auf Bild 10 schaut der in Bild 6 Portraitierte nicht geradeaus, sondern demütig nach unten. Auf Bild 11 („Insel der Seligen“) blickt man vom leicht stürmischen Meer auf den sonnengetränkten, von Segelschiffen und geschäftigem Treiben erfüllten Hafen von Alexandria. Ein Remix des Originals von „Garten der Seraphina“ (2001). Auf Bild 13 tanzt der Papst aus Bild 3 wilder und wilder, und der Teufel tanzt mit. In der Mitte des Stücks ein faszinierend verstörender Rhythmus-Bruch. Bild 14: Irrlicht auf der Xtra-Bühne. Nein, diesmal leider kein „Hidden Track“ am Schluss der CD.

Noch eine Anekdote zu „Habemus Papam“: Daniela musste den Refrain in einer tieferen Tonlage neu einsingen, da die Lautsprecherboxen der DJs bei der ursprünglich beabsichtigten Version den Geist aufgaben. Einen Mix mit der Original-Tonlage findet man auf der Memberseite von irrlicht.ch. Durch den beim Kauf der CD mitgelieferten Code erhält man ebenfalls Zugriff auf das Konzert im Xtra (als Audio und Video) und viele uralte ;-), alte und neue Bilder.

„Bilderbuch“ ist ein Album voller elektronischer, kritischer und sehnsüchtiger Popmusik, sicher nicht geschaffen, um unbeachtet sein Dasein zu fristen. Wie die Musik von „Deine Lakaien“ wären auch die Kompositionen von Irrlicht sehr geeignet für eine orchestrale Aufführung. Allerdings ist ein solches Experiment für nebenberuflich tätige Musiker zeitlich und finanziell wohl zu aufwändig. So oder so: Ein kristallbestücktes Zauberbuch voller ausdrucksstarker Bilder als würdiger „Abschluss“ für einen herausragenden Musikjahrgang.

Weitere Infos: www.irrlicht.ch (Hörbeispiele siehe „Songs“) und www.myspace.com/irrlichtmusic

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